Konspirative politische Händel zu Ungunsten Südtirols

Wie ein bisher weitgehend im Dunkel verborgener Emissär das Nachkriegsgeschehen zwischen Wien und Rom hinter den Kulissen zu beeinflussen vermochte

Von Reynke de Vos

Der Brenner ist in aller Munde. Wieder einmal; er war es schon so oft. Nützten ihn einst römische Legionäre als einen der Alpenübergänge bei der  Eroberung von Teilen Germaniens, so „wanderten“ alsbald ganze  „Völker“ über den Brenner gen Süden, um Teile der Konkursmasse des weströmischen Reichsteils zu besiedeln. Und seit dem 8. Jahrhundert sah der Brenner nicht selten die titularischen Nachfahren der  Imperatoren: Herrscher des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation auf Krönungs-, Pilger-, Buß- oder Kriegsfahrt gen Rom oder hinab bis Apulien und Sizilien. Nicht zu vergessen Adelige auf „Kavaliersreise“;  geistliche Herren zum Besuch der „Ewigen Stadt“;  Literaten, Künstler und Gelehrte auf Entdeckung der „wiedergeborenen Antike“ oder – weniger (geistes)geschichtlich motiviert –  auf Exkursion ins gelobte „Land wo die Zitronen blüh’n“. Händler und Frächter quer(t)en den Brenner-Pass  ebenso in hoher Zahl wie Touristen in Massen. Und neuerdings, unter völkerwanderungsartig anschwellendem Zustrom afrikanisch-orientalischer Migranten über die „Italien-Route“ nach Mitteleuropa, nimmt der enge Gebirgseinschnitt wieder seine Rolle als neuralgisches Kontroll-Areal am Übergang zum Bundesland Tirol ein, welches seit dem Schlagbaum-Abbau nach Österreichs EWG-Beitritt  (1. Januar 1995) als  obsolet galt.

Unrechts- und Schandgrenze 

Jetzt ist die 1918/19 zu St. Germain-en-Laye – entgegen den vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson vorgeschlagenen „Grundzügen einer Friedensordnung“, deren Punkt 9 (von 14 Punkten) die „Berichtigung der Grenzen Italiens nach den genau erkennbaren Abgrenzungen der Volksangehörigkeit“ vorsah –  festgelegte und 1945/46  beibehaltene Grenze am Brenner also plötzlich wieder da. Verschwunden war sie ja nicht wirklich, sondern lediglich „nicht mehr spürbar“, wie eine medial widerhallende stereotypisierte Politformel besagte und eher oberflächliche Betrachtung von Fahrzeuginsassen darüber hinwegrollender Automobilkolonnen  nahelegte. Dass  die Brennergrenze Land und Volk der Tiroler seit nunmehr bald hundert Jahren teilt, haftet  indes Geschichtsbewussten und –Interessierten  im Gedächtnis, die sich überdies des ehedem geläufigen Begriffs „Unrechtsgrenze“ erinnern. Dies war im Vergleich mit „Schandgrenze“, dessen sich viele in beiden Teilen Tirols und weit darüber hinaus bedien(t)en, noch der mildere Ausdruck, um sich ob des Unmuts über den als Kriegsbeute dem  unter der Maxime vom „Sacro egoismo („heiliger Eigennutz“)  vorgehenden Seitenwechsler Italien zweimal zugesprochenen südlichen Teil Tirols  Luft zu verschaffen.

Die Selbstbestimmungsfrage

Wilsons 14-Punkte-Plan blieb auf der Pariser Friedenskonferenz chancenlos, auf der vornehmlich die nach Rache dürstenden französischen Teilnehmer das Sagen hatten. Ob dagegen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich die Chance für die in vielfachen eindrücklichen Willensbekundungen der Bevölkerung – Unterschriftensammlungen; Großkundgebungen in beiden Tirol sowie in Salzburg, Linz und Wien; (General-)Streiks – sowie die in politischen und kirchlichen Petitionen zum Ausdruck gebrachte Forderung nach Wiedervereinigung Tirols bestand, ist unter Historikern umstritten.

Rolf Steininger, vormals Direktor des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck und maßgeblicher Akten-Editor sowie  Verfasser voluminöser Monographien zur Thematik, stellt dies im Wesentlichen  in Abrede. Er begründet dies damit, dass  wegen der sich unter den ehemaligen Alliierten alsbald abzeichnenden Rivalität und Uneinigkeit sowie des sich anbahnenden „Kalten Krieges“  die Südtirol-Frage  von so untergeordneter Bedeutung gegenüber dem Erhalt Italiens im westlichen Lager gewesen sei,  dass sich die USA, Großbritannien und Frankreich rasch auf dessen Verbleib  im Stiefelstaat verständigt hätten.

Für Michael Gehler hingegen, den nicht minder renommierten Leiter des Instituts für Geschichte an der Universität Hildesheim  und – als ehemaliger Innsbrucker („Schüler“ Steiningers) – über Forschung und Zeitgeschichtsschreibung hinaus beiden Tirol auch familiär eng verbunden, waren Forderungen nach Wiedererlangen der Landeseinheit nicht von vornherein aussichtslos. Für die Zeit nach Abschluss des Gruber-De Gasperi-Abkommens (5. September 1946), dem er den von den regierenden Parteien sowie dem zeitgeistfrommen Teil der Opposition in Wien, Innsbruck und Bozen bejubelten Rang einer „Magna Charta für Südtirol“  absprach, bis hin in die 1960er Jahre, sah er die Wiedervereinigungsfrage zwar weiter für relevant an, die Chance, sie zu beantworten, indes für kaum mehr gegeben.

Grubers Unzulänglichkeiten

Gleichwohl schimmert in Gehlers Einlassungen und Publikationen durch, dass aufgrund  eingeschränkter außenpolitischer Handlungsfähigkeit Österreichs und unzulänglichen diplomatischen Geschicks  Fehlgriffe passierten, für welche der zu „einsamen“, d.h. ohne Absprache mit Wien und/oder den drei  nach Paris entsandten Südtiroler Beobachtern  getroffenen Entscheidungen neigende Karl Gruber verantwortlich zeichnete,  die minimale Chance auf eine Selbstbestimmungslösung verspielt worden sein dürfte. In seinem  Vortrag aus Anlass des  70. Jahrestags der Unterzeichnung, dem am 5. September 2016 auf Schloss Sigmundskron begangenen „Tag der Autonomie“, brachte Gehler dies in aller Deutlichkeit zum Ausdruck: „Die These von zeitgenössischen politischen Akteuren vom Pariser Abkommen als das ,Maximum des Möglichen‘ ist daher nicht haltbar. Im Lichte der legitimen Südtiroler Forderungen war es nur ein Minimum vom Minimum der ursprünglichen Forderungen und Erwartungen, weil es keine Selbstverwaltung für Südtirol gab, was der eigentliche politische Fehlschlag war. Für eine eigenständige Autonomie wäre mehr zu erreichen gewesen: Österreich war geostrategisch für den Westen auch wichtig und sollte im westlichen Lager gehalten werden. Das britische Angebot in Paris zur Präzisierung des Vertragstexts blieb von Gruber ungenutzt. Er wusste nicht, dass sein Handlungsspielraum gegenüber Italien größer war, zumal De Gasperi noch während der Pariser Friedenskonferenz die Zulassung einer Volksabstimmung in Südtirol fürchtete, die zeitgleich von einer interalliierten Kommission geprüft werden sollte. Diese Forderung war die stärkste Waffe, die Österreich in der Hand hatte. Gruber gab sie vorzeitig preis und verspielte damit das Kapital der Selbstbestimmung als Druckmittel in den Verhandlungen.“  (Publiziert auf: http://www.provincia.bz.it/giornata-autonomia/downloads/Referat_Michael.Gehler.pdf. )

„Furchtbare Hypothek“

Allem Anschein nach fügte sich der österreichische Außenminister  letztlich ebenso seinem italienischen Gegenüber Alcide De Gasperi  wie den drängenden Siegermächten, um überhaupt etwas mit  nach Hause bringen zu können.  Das Abkommen vom 5. September, das den Südtirolern anstatt der Selbstbestimmung die autonome kulturelle Entwicklung und politische Selbstverwaltung sichern sollte, erwies sich jedoch alsbald als unzulänglich und schließlich als „furchtbare Hypothek“ (Bruno Kreisky). Immer wieder erwuchsen aus seiner von De Gasperi zu verantwortenden Verfälschung Anlässe  für leidenschaftliche Aufwallungen bis hin zu den Anschlägen in den 1950er bis 1970er Jahren, um die Welt auf die Nichteinhaltung des römischen Vertragspartners sowie die Willkürherrschaft des „demokratischen Italiens“ aufmerksam zu machen, welche sich  von jener der Schwarzhemden Mussolinis allenfalls dem äußerlichen Anschein nach unterschied.

Doch es waren nicht allein die aus der (geo)politischen Lage herrührenden Umstände und die Unzulänglichkeiten des zur Pariser Friedenskonferenz entsandten österreichischen Personals sowie das mitunter selbstherrliche Gebaren Grubers respektive der Druck, den die (west)alliierten Siegermächte  auf die Beteiligten ausübten und schließlich ein anderes als das von den (Süd-)Tirolern erhoffte Ergebnis zeitigten. Eine soeben erschienene verdienstvolle Dokumentation zeigt anhand zufällig aufgefundenen und nunmehr erstmals zugänglich gemachten sowie  ausgewerteten Materials aus einem Privatarchiv  und von bisher in der Südtirol-Forschung unbeachtet gebliebenen Unterlagen aus dem Niederösterreichischen Landesarchiv, dass auch hinter den Kulissen  Akteure emsig und weitgehend inkognito am Geschehen beteiligt waren. (https://www.amazon.de/Südtirol-westliche-österreichische-unliebsames-schaffte/dp/3702017089/ref=sr_1_5?ie=UTF8&qid=1502442162&sr=8-5&keywords=Golowitsch )

Hinter den Kulissen

Insbesondere ein Kärntner Unternehmer übte einen bisher weithin unbekannten und im Blick auf das von der weit überwiegenden Bevölkerungsmehrheit in beiden Tirol sowie in ganz Österreich erhoffte Ende der Teilung des Landes fatalen Einfluss aus. Sein lautloses Mitwirken inkognito erstreckte sich nahezu auf den gesamten für den Südtirol-Konflikt zwischen Österreich und Italien bedeutsamen Geschehensablauf vom Kriegsende bis zur sogenannten „Paket“-Lösung Ende der 1960er Jahre, bisweilen lenkte er ihn in bestimmte Bahnen.

Der Mann hieß Rudolf Moser, war 1901 in Wien geboren und in der christlich-sozialen Bewegung politisch sozialisiert worden. In Sachsenburg (Kärnten) leitete er die „A. Moser & Sohn, Holzstoff- und Pappenfabrik“, und als Industrieller gehörte er der vor allem auf die regierende Österreichische Volkspartei (ÖVP) stark einwirkenden Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft an und war in deren „Bundessektion Industrie“ stellvertretender Vorsitzender des „Fachverbands der Papier-, Zellulose-, Holzstoff- und Pappenindustrie“.  Mit dem ersten österreichischen Bundeskanzler Leopold Figl, den er als seinen „engsten Jugendfreund“ bezeichnete, verband ihn seit der gemeinsamen Zeit in der ständestaatlichen Schuschnigg’schen Wehrformation der „Ostmärkischen Sturmscharen“, wie er vermerkte, „in allen Belangen …. stets gegenseitige und vollständige Übereinstimmung und Treue“: Moser war „Gauführer“ in Kärnten-Osttirol, Figl hatte dieselbe Funktion in Niederösterreich inne.

 

In Italien, wohin seine Firma gute Geschäftskontakte unterhielt – auch und vor allem nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938  an das mit Mussolini verbündete, NS-geführte Deutsche Reich – hielt sich Moser häufig für länger auf und kam mit namhaften Persönlichkeiten des faschistischen Staates ebenso wie mit katholischen Kreisen und dem Klerus in engen Kontakt. Moser, den auch Papst Pius XII.  mehrmals in Rom persönlich empfing, wirkte zudem als Vertrauensmann des Vatikans. Insofern nimmt es nicht wunder, dass sich der die italienische Sprache mündlich wie schriftlich nahezu perfekt beherrschende und absolut diskret agierende Moser nach 1945  geradezu ideal für die Aufnahme, Pflege und Aufrechterhaltung einer trotz Südtirol-Unbill dennoch äußerst belastbaren Verbindung zwischen ÖVP und Democrazia Cristiana (DC) eignete, die sich weltanschaulich ohnedies nahestanden. Dazu passte,  dass er sich der Rolle des (partei)politischen Postillons und verdeckt  arbeitenden Unterhändlers mit geradezu missionarischem Eifer hingab.

 

Verkaufte „Herzensangelegenheit“

 

Das erste für das Nachkriegsschicksal der Südtiroler bedeutende und in seiner Wirkung fatale Wirken Mosers ergab sich im Frühjahr 1946. Während nämlich die österreichische Bundesregierung offiziell – besonders Kanzler Figl, der in seiner Regierungserklärung am 21. Dezember 1945 vor dem Nationalrat gesagt hatte: „Eines aber ist für uns kein Politikum, sondern eine Herzenssache, das ist Südtirol. Die Rückkehr Südtirols nach Österreich ist ein Gebet jedes Österreichers“  – die  Selbstbestimmungslösung mittels Volksabstimmung verlangte, die Außenminister Gruber gegenüber den Siegermächten und dem Vertreter Italiens in Paris bis dahin einigermaßen aufrecht erhalten hatte, wurde Rom auf der Ebene parteipolitischer Beziehungen vertraulich darüber in Kenntnis gesetzt, dass sich Wien gegebenenfalls auch mit einer Autonomielösung anstelle eines Plebiszits  einverstanden erklären könne. Das Signal dazu gab Figl über Moser, der – behufs  Vermittlung eines  Priesters aus dem Trentino – den einstigen Trientiner Autonomisten (und als solcher Reichsratsabgeordnete zu Wien bis 1918)  De Gasperi am 3. April 1946  im Palazzo del Viminale, dem  Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten,  zu einer ausgiebigen geheimen Unterredung traf.

Ost und West – und Schwarz und Rot

Dass das Duo Figl/Moser  damit Grubers Aktivitäten konterkarierte, dürfte auch dem Umstand geschuldet  gewesen sein, dass der Niederösterreicher Figl und der Tiroler Gruber  einander sozusagen „in herzlicher Abneigung“ zugetan waren. Dass es dem Kanzler – wie einst Schuschnigg in der Phase, bevor Mussolini und Hitler Verbündete wurden – primär um gutnachbarschaftliche politische (und wirtschaftliche) Beziehungen Wiens zu Rom sowie nach dem verheerenden Krieg, aus dem Österreich als „Verlierer“, der Seitenwechsler von 1943 Italien indessen quasi als „Sieger“ hervorging, und dem einsetzenden Kalten Krieg mit den äußeren Gegensätzen zwischen Ost und West sowie den inneren zwischen „Schwarz und Rot“ mehr noch um freundschaftliche Verbindungen zwischen seiner ÖVP mit De Gasperis DC  zu tun war und dass er damit der alldem entgegenstehenden Sache Südtirols – wider alle öffentlichen Bekundungen und Verlautbarungen – schadete, spricht Bände.

Capo und Beschwichtiger

Dieses widersprüchliche politische Gebaren sollte sich, wie die von dem oberösterreichischen Forscher Helmut  Golowitsch erstellte Dokumentation zeigt, unter allen auf Figl folgenden ÖVP-Kanzlern bis in die für das österreichisch-italienische Verhältnis äußerst schwierigen 1960er Jahre fortsetzen, unter der ÖVP-Alleinregierung unter Josef Klaus ihren Kulminationspunkt erreichen  und darüber hinaus – wie man als Beobachter späterer Phasen hinzufügen muss – gleichsam eine politische Konstante bilden, der in aller Regel die beanspruchte Schutz(macht)funktion  Österreichs für Südtirol untergeordnet worden ist. Und allen damals führenden  ÖVP-Granden stand Rudolf Moser als emsig bemühtes,  lautlos  werkendes und wirkendes Faktotum zur Seite: Sei es als Organisator konspirativ eingefädelter Spitzentreffen inkognito – mehrmals in seinem Haus in Sachsenburg – , sei es als Emissär,  mal als besänftigender Schlichter, mal  operierte er als anspornender Impulsgeber.  Mitunter war er verdeckt als Capo  einer geheimen ÖVP-Sondierungsgruppe unterwegs oder auch gänzlich unverdeckt als Mitglied einer offiziellen  ÖVP-Delegation auf DC-Parteitagen zugegen. Und nicht selten nahm er auch einmal die Rolle eines Beschwichtigers von ÖVP-Politikern und -Funktionären wahr.

Figl und De Gasperi am Karerpass

So regte er die erste geheime Begegnung Figls mit De Gasperi an, wie aus einem mit Briefkopf des Kanzlers versehenen Schreiben vom 16. Juli 1951 an  den „Sehr geehrten Herrn Kommerzialrat und lieben Freund“ Moser  hervorgeht und in dem er es diesem  ausdrücklich „überlassen“ hatte, „das Nähere zu arrangieren.“ Das „inoffizielle Zusammentreffen“, mit dem Figl „sehr einverstanden“ war, fand im August 1951 – der genaue Tag ließ sich nicht rekonstruieren, aber Figl war, wie Moser De Gasperi mitteilte, „nur bis spätestens 29. August  hier verfügbar“ –  im Hinterzimmer eines Gasthauses am Karerpass in Südtirol statt, wohin der in Matrei (Osttirol) sommerfrischende österreichische und der in Borgo (Valsugana) urlaubende italienische Regierungschef reisten, um sich „auf halbem Wege“ und „nach außen hin zufällig“ zu treffen, wie Moser in seinem Brief vom 13. August an den des Deutschen mächtigen „Hochwohlgeboren Herrn Ministerpräsident“ schrieb. Über die mehrstündige Unterredung, die auch in einer mehrfach aufgelegten Figl-Biographie (Ernst Trost: Figl von Österreich“, Wien 1972 u.ö) vermerkt ist, gibt es keine Aufzeichnung. Man darf indes wohl annehmen, dass De Gasperi mit Begründungen aufwartete, warum er aus innenpolitischen Zwängen  die Südtirolpolitik so und nicht anders gestalten könne und dass sich in Hinkunft schon alles  bestens regeln werde.

Die Tiroler ÖVP hintergangen

Über Inhalt und Ergebnis dieses ersten Geheimtreffens (und weiterer konspirativer Begegnungen mit anderen Persönlichkeiten) wurden weder  Süd- noch Nordtiroler Politiker informiert – wie im Übrigen während des gesamten Zeitraums, für die Golowitschs Dokumentation steht, ÖVP-Kanzler und ÖVP-Parteiführung stets unter weitestgehendem  Hintanstellen von Belangen oder gänzlichem Umgehen der dem südlichen Landesteil naturgemäß zugetanen Tiroler ÖVP-Landespartei agierten. Das ging sogar so weit, dass der legendäre langjährige  und in der Bevölkerung  äußerst  beliebte Landeshauptmann Eduard Wallnöfer wegen „wachsender Unstimmigkeiten mit der Wiener Parteizentrale“  (Gehler)  – insbesondere während der Kanzlerschaft  des Josef Klaus, zu dem er ein „unterkühltes Verhältnis“ gehabt habe (Gehler) –  eine „Unabhängige Tiroler Volkspartei“ (nach Muster der bayerischen CSU)  ernsthaft in Erwägung zog.  Indes war der aus dem Vinschgau stammende Wallnöfer   – nicht allein wegen der Südtirol-Frage, aber vor allem in dieser Angelegenheit  –  dem   Außenminister und nachmaligen Kanzler  Bruno Kreisky (SPÖ)  ausgesprochen freundschaftlich verbunden.

„Haus der Begegnungen“

Das zweite  Geheimtreffen Figls mit De Gasperi am 18. und 19. August 1952 hatte Moser nicht nur arrangiert, sondern der „Geehrte Herr Kommerzialrat“  sorgte auch eigens dafür, den  Ministerpräsidenten inkognito über den Grenzübergang Winnebach nach Osttirol zu schleusen und von dort aus auf das Moser’sche Anwesen in Sachsenburg (Bezirk Spittal/Drau)  zu geleiten.  Der italienische Regierungschef hatte zustimmend auf Mosers Vorschlag  reagiert und ihm am 5. August von seinem Urlaubsort  aus brieflich mitgeteilt, es müsse „die Sache ganz privat und diskret behandelt werden“, weshalb er „unter dem Namen ,Romani‘ telegraphieren“ werde. Während zweier Tage  unterhielten sich De Gasperi und Figl bei ausgedehnten Spaziergängen unter vier Augen, niemand sonst war zugegen. Aufzeichnungen über den Inhalt der Gespräche existieren nicht, weder Süd- noch Nordtiroler Politiker wurden darüber unterrichtet. In einem späteren Rückblick, angefertigt zu Weihnachten 1973, vermerkte  Moser: „Seit 1949 gab es in meinem Kärntner Landhaus gar viele Zusammenkünfte, Besprechungen, Beratungen und Konferenzen, aber nicht selten wurden auch in fröhlichem Zusammensein weitreichende Beschlüsse gefaßt. Im Gästebuch dieses ,Hauses der Begegnung‘, wie es vielfach genannt wurde, gibt es von den delikaten Besuchen fast keinerlei Eintragungen, weil ja jedwede Dokumentation vermieden werden sollte“

Auf Figl folgte Julius Raab. Auch er war in Sachsenburg zu Gast, bediente sich Mosers Diensten aber kaum. Das war auch gar nicht erforderlich, denn die politischen Prioritäten Wiens waren während Raabs Ägide vornehmlich auf das Ausverhandeln des Staatsvertrags (1955) und damit das Wiedererlangen der Souveränität gerichtet. Was dazu führte, dass es –  worüber   in Bozen und Innsbruck  Unmut herrschte  –  in der Südtirol-Politik zu keinen nennenswerten Aktivitäten oder Initiativen mehr kam. Nach De Gasperi, mit dem sich Moser auch weiterhin freund(schaft)lich austauschte, wechselten in Italien die Regierungschefs beinahe jährlich; bis 1981 war das Amt des „Presidente del Consiglio dei Ministri“ stets  sozusagen  ein „Erbhof“ der DC. Bis zum Abschluss des Südtirol-Pakets 1969 unter Mario Rumor, der zwischen 1968 und 1970 drei wechselnden, DC-geführten und dominierten (Koalitions-)Regierungen vorstand, hatten sieben DC-Regierungschefs 14 Kabinetten vorgestanden. Mit allen pflegte(n) Moser (und die ÖVP)  mehr oder weniger enge Kontakte.

Handreichung für Folterer

Zu Mario Scelba, der später   traurige Berühmtheit erlangte, weil unter seiner  Billigung 1961 in Carabinieri-Kasernen  politische Häftlinge aus den Reihen des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) gefoltert worden waren und er  als damaliger Innenminister den Folterknechten  dazu  „freie Hand“ („mani libere“) gelassen hatten, waren sie ebenso intensiv wie zu Fernando Tambroni, Antonio Segni, Amintore Fanfani und Aldo Moro. Zwischen Moro und Josef Klaus initiierte er im Sommer 1966 ein geheimes Treffen in Predazzo, wohin Klaus im Anschluss an seinen üblichen Urlaub (in Bonassola an der Ligurischen Küste) reiste. 1962 hatte Moser ein  geheimes Treffen zwischen dem stellvertretenden DC-Generalsekretär Giovanni Battista Scaglia sowie der DC-Fraktionsvizechefin  Elisabetta Conci  und ÖVP-Generalsekretär Hermann Withalm sowie Außenamtsstaatssekretär Ludwig Steiner eingefädelt, das in seinem Beisein  am 12. Mai in der  am Comer See gelegenen „Villa Bellini“ der mit ihm  befreundeten Papierfabrikantin Anna Erker-Hocevar aus Ovara bei Udine stattfand. Um das Treffen mit den DC-Vertretern zu akkordieren, war  Moser eigens zu ihnen nach Rom  gereist. Einmütiger Tenor des Treffens: Südtiroler „Friedensstörer“ seien  „gemeinsame Feinde“ und als solche  „unschädlich zu machen“.

Moser bekundete stets, man müsse, wie er selbst, beseelt sein vom Willen „engster vertraulicher Zusammenarbeit …mit den aufrechten Europäern und jenen Christen, welche den Mut haben, solche der Tat zu sein“  sowie beitragen zur „gemeinsamen Verurteilung jeder Äußerung von unzeitgemäßem Nationalismus und unchristlichen Gewalttaten“ und mithelfen, jene Kräfte zu isolieren und auszuschalten,  „die unbedingt Gegner einer Einigung, einer Versöhnung sind“.  An Scelba schrieb er am 16. September 1961, er möge „im Alto Adige  jene wahnsinnigen Radikalen  isolieren, welche mit verbrecherischen Taten sich als Handlanger des Bolschewismus erweisen“.

Geheimdiplomatie hinter Kreiskys Rücken

Mosers Engagement ging so weit, dass er sich nicht scheute, daran mitzuwirken, hinter dem Rücken des damaligen Außenminister Kreisky (SPÖ) sozusagen „christdemokratische Geheimdiplomatie“ zu betreiben und dessen mit Giuseppe Saragat ausgehandeltes „Autonomie-Maßnahmenpaket“  zu desavouieren, welches die Südtiroler Volkspartei (SVP) dann auch am 8. Januar 1965  für „zu mager“ befand und infolgedessen verlangte, es müsse nachverhandelt werden. Drei Jahre zuvor schon hatte er in einer von ihm am „hohen Fest der Erscheinung des HERRN 1962“ (Dreikönigstag 6. Januar) verfassten und an zahlreiche ÖVP-Politiker und -Funktionäre verschickten „Südtirol-Denkschrift“ bemerkt, Kreisky betreibe „eine dilettantisch geführte Außenpolitik.“  Das bezog sich auf den  seit den  verheerenden Auswirkungen des Gruber-De Gasperi-Abkommens ersten zielführenden und erfolgreichen Schritt   der Wiener Südtirol-Politik, nämlich der Gang Kreiskys 1960 vor die Vereinten Nationen. Die Weltorganisation zwang mittels  zweier Resolutionen  Italien zu „substantiellen Verhandlungen zur Lösung des Streitfalls“ mit Österreich, womit der  Konflikt zudem internationalisiert und der römischen Behauptung, es handele sich um eine „rein inneritalienische Angelegenheit“ die Grundlage entzogen worden war.

In den Rom-freundlichen Kreisen der Bundes-ÖVP war dies jedoch mit Unwillen registriert  worden. Zunächst hatte man versucht,  Kreisky  vom  Gang nach New York wieder abzubringen. Einen Vorstoß machte ÖVP-Staatssekretär Ludwig Steiner mit der Kreisky gegenüber ausgesprochenen Empfehlung – die dieser in seinen Akten festhielt -, die „österreichische UNO Initiative zurückzunehmen“,  denn „seiner Meinung nach  habe Italien in einer UNO Debatte d[er]z[ei]t. eine bessere Stellung und im übrigen solle man  nicht die westlichen Freunde Österreichs strapazieren.“ Kreisky vermerkte über  Steiner  in dieser Aktennotiz: „Seit seinem Eintritt als Staatssekretär haben die Intrigen gegen die gemeinsame Außenpolitik in hohem Maße zugenommen.“ Ebenso vergeblich wie Steiner hatten auch der spätere ÖVP-Außenminister  Kurt Waldheim und der damalige Leiter der Politischen Abteilung des Außenministeriums,  Heinrich Haymerle, versucht, Kreisky, wie dieser festhielt,  „in stundenlangem Gespräch zu überreden, dass wir uns jetzt aus der Affäre ziehen sollten … Andernfalls würde Österreich als ein Störenfried betrachtet werden, und dies wäre uns keineswegs zuträglich“.

Italophiler Verbindungsmann

Mosers vielfältiges und nicht eben einflusslos gebliebenes Wirken  beschränkte sich indes nicht auf die eines Kontaktknüpfers oder Verbindungsmannes zwischen ÖVP und DC. Er betätigte sich auch auf  internationalem  Parkett  und vertrat die ÖVP auf den seit 1947 stattfindenden jährlichen Parteikongressen der DC sowie auf den Jahrestagungen  der „Nouvelles Équipes Internationales“ (NEI), die sich 1965 in  „Union Européenne des Démocrates-Chrétiens“ (EUDC) / „Europäische Union Christlicher Demokraten“ (EUCD) umbenannte. Die von Gegnern als „Schwarze Internationale“ verunglimpfte  EUCD ging  1998 in der Europäischen Volkspartei (EVP) auf.

Der italophile Moser  ist nicht selten als politischer Stichwortgeber auszumachen, wenn es um den Versuch der in Wien Regierenden – insbesondere der von der ÖVP gestellten Bundeskanzler  der ersten 25 Nachkriegsjahre – ging, sich des mehr und mehr als lästig empfunden Südtirol-Problems zu entledigen. Dies trifft in Sonderheit auf die „Ära Klaus“ zu. Rudolf  Moser fungierte just in der Südtirol-Causa als dessen enger Berater. In derselben Eigenschaft empfahl Moser auch dem mit ihm befreundeten italienischen Innenminister Taviani, in Südtirol „die bekannten Unnachgiebigen zu isolieren“, woraus  „eine aufrichtige Freundschaft Italien-Österreich resultieren“ werde, „deren stärkste Parteien der gleichen Ideologie sind“. Unter Tavianis wie unter Scelbas (Amts-)Augen wurde in Südtirol schrecklich gefoltert.

Josef Klaus fügt sich römischem Druck

Wien ließ sich in der Folge – von Rom in der Angelegenheit EWG-Assoziierung  massiv unter Druck gesetzt – auf (verfassungs)rechtlich äußerst fragwürdige (bis unerlaubte)  Händel ein, so  beispielsweise auf die auf  sicherheitsdienstlicher Ebene mit italienischen Diensten insgeheim verabredete Weitergabe polizeilicher Informationen über Südtiroler, obwohl dies für politische Fälle unzulässig war. Das Wiener Justizministerium und die für Rechtshilfe zuständigen Institutionen wurden dabei kurzerhand übergangen. Für all dies und einiges mehr gab Klaus, der hinsichtlich der Südtirol-Frage ähnlich dachte wie sein deklarierter Freund  Rudolf Moser, allen Forderungen der italienischen Seite bereitwillig nach. Moser hatte alles getan, um das (bereits erwähnte) Geheimtreffen zwischen dem österreichischen Kanzler und dem italienischen Regierungschef Aldo Moro auf italienischem Boden zustande zu bringen. 

Aus dem Dunkel ans Licht

Mosers konspiratives Wirken endete 1969/70.  Als Pensionär  zog er sich aufs Altenteil in seine Geburtsstadt Wien zurück, wo er einige Jahre später hochbetagt verstarb. Seine gesamten Aufzeichnungen, Dokumente und Photographien hatte er einem befreundeten Kärntner Nachbarn hinterlassen. Begünstigt von einem glücklichen Zufall war es  Helmut  Golowitsch nach langwierigen Recherchen  gelungen,  an den zeitgeschichtlich  wertvollen Fundus zu gelangen, in den zuvor  noch nie ein Historiker ein Auge geworfen hatte.   Ergänzt durch Material aus dem im niederösterreichischen Landesarchiv verwahrten Nachlass  Figls sowie durch einige Dokumente aus dem Österreichischen Staatsarchiv und dem Tiroler Landesarchiv hat er ihn umsichtig aufbereitet, ausgewertet  und nunmehr in dieser voluminösen Dokumentation publiziert, worin  er die für die Geschehenserhellung brisantesten Notizen Mosers erfreulicherweise faksimiliert wiedergibt. Alle Moser’schen Dokumente hat  Golowitsch zudem zu jedermanns Einblick und Nutzung dem Österreichischen Staatsarchiv übergeben. Seiner Publikation, die ein bisher im Dunkel verborgenes wichtiges Kapitel der mitteleuropäischen Nachkriegsgeschichte ins Licht hebt und, wie der Salzburger Historiker Reinhard Rudolf  Heinisch  zurecht in seinem Vorwort schreibt,  „durch dessen Ergebnisse die tragische Geschichte Südtirols nach 1945 in vielen Bereichen umgeschrieben werden muss“, ist weite Verbreitung zu wünschen.

„Was wäre wenn …“

Historiker schrecken für gewöhnlich von „Was-wäre-wenn-Fragen“ zurück. Es sei aber dem Betrachter  abschließend ausnahmsweise einmal erlaubt, für einen Augenblick die Scheu davor hintanzustellen und an die eingangs aufgeworfene Brenner-Problematik anzuknüpfen. Unwillkürlich mag einem angesichts des zuvor Erörterten dabei in den Sinn kommen: Wäre es 1945/46  zur Selbstbestimmung(slösung und damit zur Landeseinheit Tirols) gekommen, so verliefe die italienisch-österreichische Grenze heute wohl entlang der Sprachgrenze am südlichen Zipfel des sogenannten Unterlandes. In der Enge des Etschtals an der „Salurner Klause“ könnten in Zeiten vermehrter illegaler Grenzübertritte Kontrollen ebenso effektiv gestaltet werden wie 115 Autostrada- und 136 Bahn-Kilometer weiter nördlich am Brennerpass. Und  Tirol wäre – entgegen der Formel „Ein Land in zwei Staaten“, die Moser im Gespräch mit De Gasperi fand und an die sich die in Wien, Innsbruck, Bozen und Rom Regierenden jedweder Couleur  bis zur Stunde klammer(te)n  – „lei oans“.

Helmut Golowitsch: Südtirol – Opfer für das westliche Bündnis. Wie sich die österreichische Politik ein unliebsames Problem vom Hals schaffte; Graz (Stocker) 2017, Hardcover, 607 Seiten,  ISBN 978-3-7020-1708-8,  Preis 34,80 €

 

 

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